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Ihr Völker der Welt, schaut nach Ägypten

Wie man den revolutionsfördernden Wert technischer Kommunikationsmittel zugleich über- und unterschätzen kann.


Als ich Mitte der achtziger Jahre das erste Mal in Kairo war, stand als hauptsächliches Fernkommunikationsmittel nur das alte Telefonnetz zur Verfügung, das die Engländer noch während der Kolonialzeit installiert hatten. Es war unterirdisch angelegt, und das erste, das schon bald nach der Inbetriebnahme verschwunden war, waren die gußeisernen Schachtdeckel, durch die es hinabführte ins Reich der Telefondrähte. In den offenen Schächten sammelten sich Abfall und Sand. An den Tagen, an denen es in Kairo regnet, verband sich das Ganze zu einem kakophonischen Konglomerat aus Materie und Kommunikationsströmen.

Jemanden in Kairo telefonisch zu erreichen, war eine Art Leistungssport. In vielen Fällen kam auch nach Stunden keine oder nur eine falsche Verbindung zustande. Gefürchtet waren die Techniker der Telefonbehörde. Wenn sie in einen der Schächte stiegen, vorgeblich um eine Reparatur durchzuführen, war es hinterher meist noch schwieriger, einen Telefonanruf durch das Myzeliengeflecht aus Drähten und Dreck hindurchlaufen zu lassen. Zeitungen wie die Al Ahram waren voll mit Kleinanzeigen für Kurierfahrer. Jemand erzählte mir, wie er in dieser Zeit einmal von Athen nach Kairo geflogen war und seinen Sitznachbarn, einen Japaner, gefragt hatte, ob er beruflich in Athen gewesen sei. Der Mann sagte, er arbeite in der Niederlassung eines japanischen Unternehmens in Kairo und würde einmal im Monat nach Athen fliegen – um zu telefonieren.

Herausfordernde Kommunikationsbedürfnisse hat man in Ägypten schon länger zu meistern. Als ein Sultan im mittelalterlichen Kairo einmal Appetit auf frische Kirschen bekam, die in Ägypten aber nicht zu haben waren, schickte sein Wesir 600 Brieftauben von Damaskus nach Kairo. Jede Taube hatte ein Beutelchen mit einer Kirsche an den Fuß gebunden. Als ich vor zehn Jahren wieder nach Kairo kam, warben die größten Billboards auf den Häusern um den Tahrir-Platz bereits für Mobilfunk-Anbieter. Für eine Gesellschaft mit Wartungsproblemen und einer hohen Analphabetenrate sind Mobiltelefone ideal – man muß keine Kabelschächte versorgen, und die Ziffern von 0 bis 9 sind viel leichter zu lernen als ein Alphabet mit komplex regulierten Buchstabenverbindungen. Eine neue Grundhaltung verbreitete sich: der sitzende Mensch, in der rechten Hand das Mundstück der Wasserpfeife, in der linken das ans Ohr gedrückte Mobiltelefon. Das Internet war damals noch eine exotische und für die meisten Ägypter unbezahlbare Kommunikationsform, die in den Foyers von Luxushotels gepflegt wurde. Das hat sich in den letzten Jahren rasch geändert.

Vor drei, vier Jahren waren die ersten kritischen Stimmen ägyptischer Blogger zu vernehmen. Das Regime machte ihnen das Leben schwer. Im März 2007 wurde der 22-jährige Abd al-Karim Nabil Suleiman, der in seinem Blog konservative Moslems scharf kritisiert hatte, zu drei Jahren Haft wegen Verunglimpfung des Islam, Gotteslästerung und Anstiftung zur Sektengründung sowie zu einem Jahr wegen Beleidigung von Staatspräsident Mubarak verurteilt. Zwei Monate später wurde der Blogger Alaa Abd El Fattah verhaftet, der zusammen mit anderen Aktivisten für eine unabhängige Justiz in Ägypten demonstriert hatte. Im September des selben Jahres wurde die Tarifstruktur für Internetverbindungen drastisch geändert. Der zuvor unbeschränkte Standard-Tarif wurde begrenzt, die Gebühren stiegen von 20 ägyptischen Pfund auf ein Minimum von 45 Pfund. Sich eine Leitung mit anderen zu teilen, sollte gleichfalls verhindert werden. Mit einer Mail-Kampagne “One Million Letters” versuchten damals Bürgerrechtler und die vielen Nutzer, die nicht genug Geld hatten, Politiker und Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen.

Nun hat sich die ägyptische Öffentlichkeit in Bewegung gesetzt, zukunftsmächtig und nichtvirtuell, in einem “Million Man March”, an dem weit mehr als eine Million Menschen teilgenommen haben - obwohl es ein Internet-Blackout gibt, der Mobilfunk kaum funktioniert, das Benzin an den Tankstellen ausgeht und Züge in die Metropolen gestoppt wurden. Die erste Totalabschaltung eines nationalen Internet-Bereichs in der Geschichte des Netzes - und dazu der Mobilkommunikation - zeigt, wie sehr alte Machtmonopole sich inzwischen bedroht fühlen von SMS, Twitter, Facebook, Blogs und E-Mail.

Husni Mubarak und seine alten Männer haben aber nicht erkannt, dass die digitale Kommunikation nicht das zentrale Element dessen ist, was in Ägypten gerade vor sich geht. Das Netz fungiert nur als Katalysator, der die Dinge beschleunigt. Als Militär denkt Mubarak in Kategorien wie “Enthauptung der wichtigsten Kommunikationsknoten”. Das hindert vielleicht eine Armee daran, sich zu organisieren, nicht aber ein Volk. Die Totalblockade des Internet in Ägypten hat das Gegenteil dessen bewirkt, was das Regime beabsichtigt hat. 20 Millionen Internet-Nutzer hatten zu Hause nichts mehr zu tun, kein Netz – also gingen sie auf die Straße.

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Schweinderl