Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

Der verkehrte Feldstecher

.

Viele Technologien sind nicht deshalb so erfolgreich, weil durch sie irgend etwas einfacher wird, sondern, weil dadurch etwas schwieriger wird.

ES ÜBERRASCHTE MICH. Ich war ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Software in neuen Versionen  auch mit neuen und verfeinerten Möglichkeiten ausgestattet ist. Dass ein Effekt, der in Vorabversionen den Nutzern bereits Appetit gemacht hat, plötzlich wieder entfernt wird, erstaunte mich - so geschehen in Previews des Spiels Diablo 3, in denen man erst noch eine virtuelle Kamera sehen konnte, mit der man das Bild drehen und reinzoomen kann. In der fertigen Fassung des Spiels wird das nicht mehr gehen. Ein Sprecher des Herstellers begründet das damit, dass “es zu nervig war, der Spielfluss gestoppt wurde … und es sich schlicht nach zu viel” angefühlt habe.

Nach zu viel angefühlt - ist das nun Möglichkeitenzensur oder ist weniger tatsächlich mehr? In den achtziger Jahren bechrieb mir ein Bekannter den Eindruck, der sich ihm vermittelte, wenn er Texte am Bildschirm las. Ich solle mir vorstellen, man würde eine großformatige Zeitung aufgeschlagen auf einen Tisch legen und sie dann mit einer Pappschablone verdecken, in der ein Fenster ausgeschnitten sei, das eine Zeitungsspalte breit und 24 Zeilen hoch wäre (40×24 war ein damals übliches Textformat am Bildschirm). Um die Zeitung zu lesen, müsse man die Schablone mit dem kleinen Fenster über der Zeitung verschieben. Das Lesen von Text am Bildschirm stellte sich ihm also als eine Einschränkung und eine Zunahme an Umständlickeit dar, und nicht etwa als eine Vereinfachung. Aber darum scheint es beim Fortschritt der Computer-und Kommunikationstechnik auch gar nicht zu gehen - im Gegenteil.

.

Hacking VGA-Signals
(Foto:
CabFabLab, Flickr/CC-Lizenz)

.

BETRACHTET MAN Dienste wie etwa SMS, Chat oder Twitter, stellt man fest, dass es sich dabei um mit Absicht teils extrem reduzierte Ausdrucksmöglichkeiten handelt. Mit dem selben Telefon, mit dem man sich in gesprochener Sprache und den zusätzlichen Feinheiten im Tonfall miteinander verständigen kann, lassen sich auch 160 Zeichen lange Winzmitteilungen verschicken. SMS kam auf zu einer Zeit, als Computer ständig schneller, bunter, multimedialer wurden und weithin Konsens darüber herrschte, dass eine zunehmend visuelle Komponente den Mainstream der Kommunikationsentwicklung bestimmen würde. Dann, und das auch noch zu einer Zeit, in der in immer mehr Ländern der Telegrammdienst eingestellt wurde, begann der triumphale Siegeszug der SMS, der inzwischen längst zu einem Milliardengeschäft geworden ist.

Der Spaß daran war der auf technischem Weg erzeugte Mangel, die Reduktion auf zwei, drei Sätze. Menschen, die SMS schreiben, müssen dichten, also einer hohen kulturellen Anfordeung genügen. SMS ist, wie viele andere Technologien, nicht deshalb so erfolgreich, weil dadurch irgend etwas einfacher würde, sondern weil dadurch etwas schwieriger wird. Der Mensch liebt Schwierigkeiten - “Kultur ist Reichtum an Problemen”, wußte bereits der Autor Egon Friedell -, vor allem liebt der Mensch Schwierigkeiten, die ihn vor kommunikative und spielerische Herausforderungen stellen. Ein Telefonat zu führen oder eine in der Länge unbeschränkte E-Mail zu schreiben, kann jeder; das ganze in zwei, drei Sätze zu packen, ist schon um einiges schwieriger. Ähnlich beim Chat, wo man seine Individualität reduziert und eine Person weder an Handschrift noch an Stimme,  Aussehen oder Mimik zu identifizieren ist. Die Herausforderung besteht darin, aus den in unpersönlicher Schrift über den Bildschirm fließenden Äußerungen das Bild einer Person zusammenzusetzten, eine Art psychologischer Version des U-Boote-Versenkens.

.

AUCH DIE COMPUTERBEDIENUNG ist erst durch die mutwillige Reduktion und Erschwernis der Bedienung - durch Maus und Bildschirmsymbole - zur Massentauglichkeit gelangt.  Jeder Programmierer, der die volle Ausdrucksbreite einer Unix-Commandline zu nutzen weiß, wirft noch heute gelegentlich schale Blicke auf das kleine Fahrkästchen, das die ungreifbaren Räume, die sich zwischen den vernetzten Maschinen eröffnet haben, auf eine zweidimensionale Bildschirmmetaphorik reduziert, die man mit dem bekannten Pfeilsymbol auf dem Weg von einem klickbaren Objekt zum nächsten durchfuchteln muß.

Nach eine Spielphase, in der die neuen Fertigkeiten versammelt werden, die man beim Umgang mit einer neuen Technologieerschwernis gewonnen hat, nehmen diese unterschiedlichen weiteren Verlauf. Während das Chatten wieder ein bißchen aus der Mode gekommen ist, hält man an Maus und Screen-Metapher fest (allerdings notgedrungen, weil der gestengesteuerte Tablettrechner, auf den alle warten, noch nicht auf den Markt kommen möchte), während Twitter zeigt, dass milliardenfacher Traffic auch mit 140 Zeichen zu machen ist.

.

facebook (Foto: benstein, Flickr/CC-Lizenz)

.

IN EINER ANDEREN populären Reduktionstechnologie, nämlich Facebook, rappelt es inzwischen kräftig im Karton, weil viele Nutzer sich nicht mehr nur mit den verfügbaren, extrem beschränkten Aktionsmöglichkeiten zufriedengeben wollen. Die per Klick aktivierbare Fertigteil-Äußerung “gefällt mir” ist zweifellos als algorithmisch fixierte Version des amerikanischen Optimismus gedacht (eine andere Art von Äußerung ist bei Facebook nicht vorgesehen); dieser Optimismus stellt einen aber beispielsweise, wenn jemand einen Trauerfall bekanntgibt, vor unlösbare Probleme.

Auch eine rasch anschwellende Sammlungsbewegung auf Facebook, die einen “gefällt mir nicht”-Button fordert, greift wohl ein wenig zu kurz. Wie wäre es mit dem gesamten menschlichen Ausdrucksvariantenreichtum? Warum künstlich beschränken? Weil die Leute bescheuert sind und ihnen sonst alles zu kompliziert wird? Weil die Programmierer zu faul sind? Weil die Nutzer kurz gehalten werden sollen und lieber virtuelle Geschenke von irgendwelchen Applikatoren kaufen sollen? Nein, denn das absichtlich Wenige, das die Maschine zu bieten hat, gibt dem Menschen das Gefühl, dass er derjenige ist, der dieser Apparatur zeigt, wo der Bartl den Most holt.

Als Kinder haben wir manchmal ein Spiel gespielt, für das man einen Feldstecher umdrehen muß, um damit dann auf seine Beine hinunter zu schauen. Durch den umgekehrten Strahlverlauf sehen die Füße aus, als wären sie meterweit weg und die Beine erscheinen dünn und lang wie Stelzen. Dann muß man einen Teppichrand entlanggehen, und da man wegen des verkehrten Feldstechers wie auf Stelzen geht, kommt man rasch ins Stolpern. Wer es am weitesten schafft, hat gewonnen. Würde man ohne den Feldstecher losmarschieren, könnte man problemlos tagelang den Rand entlanggehen. Aber das wäre nicht innovativ.

…………………..

.

w

Get rid of the ads (sfw)

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl