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Kalte Alchemie

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Ein kühner Vorstoß in die Frostigkeit künstlicher Welten: die semantische Neuerfindung von gefrorenem Wasser als edle Verheissung und Reichtumsverdichtung

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Der Berufsbezeichnung Barmixer zieht Michel Dozois den neuen Begriff “Drink Smith” vor. Der “Drinks-Schmied” ist die eigene Erfindung des in Los Angeles mixenden Dozois; “Anchorman” klingt ja auch besser als “Ansager”. Die Bezeichnung dient der Hebung seines Selbstgefühls, das von trostlosen Wodka-Soda-Zusammenrührern und Dirty-Martini-Manschern in Mitleidenschaft gezogen ist. Um das Gehobene, man muß genauer sagen: um das Allergehobenste geht es auch bei den anderen Erfindungen von Michel Dozois, allen voran dem Luxus-Eis Névé. Dozois ist ein innovativer Mann. Wir sprechen nicht von Speiseeis, sondern von gefrorenem Wasser.

Zunehmend begegnen uns Virtualität und künstliche Wirklichkeiten. Sie spielen auch bei realen Objekten eine immer stärkere Rolle. In PR und Werbung haben Verheißungen inzwischen einen Grad an Bedeutung erlangt, der den des ursprünglichen Produkts oft längst übersteigt. Was verkauft wird, ist immer öfter eine Fiktion, durch die sich die oft immergleichen Gegenstände und Waren doch noch voneinander unterscheiden sollen. Die Welt wird also immer kunstvoller, das heißt, die Menschen interessieren sich immer mehr für Geschichten. Die Profanität der Dinge tritt in den Hintergrund. – Ist das so?

Wenn Turnschuhe, Autos oder Sonnenbrillen in Vermeintlichkeiten verwandelt werden, die aus drangeklinkten Bildern oder Musiken hervorgehen und die blanken Dinge über ihr bloßes Dasein hinausheben sollen in die Späre der Markenmärchen, wird das heute niemanden mehr verwundern. Interessant wird es bei Dingen, bei denen man eine solche Wertzunahme überhaupt nicht für möglich gehalten hätte (und bei denen ich merkwürdiger Weise sofort an Software denken muß): Wasser, ungeachtet des Aggregatzustands, gehört ohne Frage in diese Kategorie. Ich hatte hier schon mal ein paar Firmen unter der Lupe, die, verbunden mit kühnen Behauptungen und zu exorbitanten Preisen, schlicht Wasser verkaufen - vom Wasser-Konzentrat (!) für 420 Dollar den Liter bis zu sozial vernetztem Quellwasser. Nun also Eis, vielmehr: das Luxus-Eis, nein: Névé.

Dass dieses neue Produkt ausgerechnet aus Los Angeles kommt, einer Stadt, die wie keine andere für den hemmungslosen Umgang mit der Ressource Wasser steht, hat schon etwas, das an die Zauberei von David Copperfield erinnert. Das Abschmelzen der Gletscher ist die epische Umverpackung, in der uns, zwischen abgehenden Superlativ-Lawinen, das Luxus-Eis nahegelegt wird:. “Über tausende von Jahren fällt der reinste Schnee und sammelt sich auf den höchsten Bergen der Welt. Mit der Zeit wird dieser Schnee verdichtet und formt Gletscher – gewaltige Eismassen, die sich langsam bewegen und die das größte Reservoir an Frischwasser auf der Erde bilden. Die Herausbildung dieses puren und dichten Eises nennt man Névé.”

Die alchemistische Arbeit beginnt schon mit der Wahl des Begriffs: Névé, oh boy, gleich mit zweimal accent aigu, wo doch das Französische per se für Kultur und Edelmarken steht. Ein erster Klang durchschwebt das Nichts; Beiklänge von sündhaft teurem Genuß gesellen sich hinzu. Das geistige Auge sieht Männer in weissen Anoraks, die, aus Hubschraubern abgeseilt, Bohrungen im Gletscher veranstalten, um dieses sozusagen Jahrgangs-Eis zu gewinnen und es, sorgfältig wie Spenderorgane, die zu einer Transplantation unterwegs sind, in das Fluggerät schaffen und der fernen Kundschaft zustellen. Eine zweifellos äußerst kostspielige Sache.

Das Nichts füllt sich weiter mit Musik und einer Vorstellung von höchstmöglicher Reichtumsverdichtung – von Kompilaten, die an Diamanten erinnern, welche unter dem Druck riesiger Gebirgsmassen entstehen und mühsam gefunden und geschliffen werden müssen, um schließlich in allerkleinster Form die allergrößten Werte zu repräsentieren. Unsere Gedanken blicken auf zu Milliardärsmenschen, die nicht wissen, wohin mit ihrem vielen Geld und die überaus glücklich sind über Reichtumsverdichtungsmöglichkeiten wie sie beispielsweise der Kunstmarkt bietet. Wo sonst gibt es die Möglichkeit, Millionen Dollar in einigermaßen handliche und renommierlich vorzeigbare Form geschrumpft zu bekommen? Eine Palette mit Scheinen hinzustellen, um anzudeuten, wie reich man ist, hat ja doch etwas Parvenuehaftes; dem vorzuziehen ist, sich beispielsweise für ein paar Millionen eine Vitrine voller Zigarettenstummel zu kaufen, die von den Assistenten des britischen Künstlers Damien Hirst während der Arbeit ebendaran geraucht worden sind.

Das ist die Grundidee: Werte zu schaffen, die wesentlich mehr manifestieren als der entsprechende Hubraum an Banknoten oder Edelmetall. Es ist die zeitgemäße Version der Alchemie, die sich seit Jahrhunderten darum bemüht, Tand in Gold zu verwandeln. Findig versucht Michel Dozois, all diese Anklänge mit in sein Edel-Eis hineinzuverwandeln und die Anmutung von Reichtum und Kostbarkeit gewissermaßen zu demokratisieren. Über Preise schweigt man sich bei Luxury Ice Névé aus, die angebotenen Eiswürfel aus zweifach gefiltertem (Leitungs-)Wasser, das einer Umkehrosmose unterzogen und anschließend mit Mineralien versetzt wird, liegen aber gewiß noch innerhalb der Reichweite jener Menschen, die sich zum Essen gern ein Fläschchen Château Petrus oder La Tâche Romanée-Conti zu jeweils 5000 Dollar die Flasche gönnen. Bei der Preiseinschätzung hilft auch ein Bick auf die Konkurrenz: Seit einiger Zeit verkauft Roberto Sequeira, der hierzu die im kalifornien Davis ansässige Firma Gläce Luxury Ice gegründet hat, Eis in Form etwa sechs Zentimeter durchmessener perfekter Kugeln, das Stück zu acht Dollar.

Moment. Leitungswasser? Wo ist denn der Gletscher geblieben? Ach so: “Nachdem das herkömmliche Eis aus dem Kühlfach nicht die erwünschte Mischung aus Kälte und kontrollierter Drink-Verdünnung bot, machte Dozois sich auf zu einer Reise auf der Suche nach seinen eigenen eisigen Würfeln.”

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Schweinderl