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Der Sieg der Ferne

Ein paar Anmerkungen zum Kulturpessimismus und der digitalen Welt

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LANGE DEBATTEN auf Facebook und Consorten, das Feuilleton rauscht: Ein Foto, das der niederländische Journalist Gijsbert van der Wal am 27. November getwittert hat, fährt durchs Netz und hinterlässt eine Spur des „Finde ich aber auch!“. Es zeigt eine Schar Teenies im Rijksmuseum Amsterdam auf einer Sitzbank, hinter ihnen das berühmte Rembrandt-Gemälde Die Nachtwache von 1642.

mädchen im museumDie jungen Mädchen sind ausnahmslos über ihre Smartphones gebeugt. Wären es statt Smartphones papierene Museumsführer oder zumindest akustische Museums-Guides, das Foto wäre widerstandslos an den Augen der Welt vorbeigegangen. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich zumindest das eine oder andere der Mädchen Hintergrundinfos zu den Dingen im Museum aus dem Netz holt.

So aber werden die vermeintlich aus der lebendigen Nähe an eine gespenstische digitale Ferne verlorenen Jugendlichen zum Inbild eines ebenso vermeintlichen Untergangs.

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IM JAHRE 1863 weigerte sich der deutsche Rittergutsbesitzer Graf Stolberg bei einem gesellschaftlichen Anlass, neben dem Industriellen August Borsig zu sitzen, weil jener ungebildet war. Heute gäbe es eine technische Lösung für das Problem: Man hielte sich vor Computern auf und könnte sich, körperlich separiert und ungestört von sozialem Rang, unterhalten. Die Ressentiments aber sind geblieben.

In seinem Traktat „Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht” sieht der Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier im expandierenden Online-Universum nicht kollektive Intelligenz am Werk, sondern einen digitalen Mob. Der amerikanische Autor Nicholas Carr befürchtet, dass durch die vernetzten Maschinen unsere Gehirne aufgeweicht und vor lauter Links, googelbaren Ablenkungen und Meteorschauern aus Mails und Tweets die Fähigkeit zu tiefergehender Beschäftigung mit einem Text im Absterben begriffen sei. – Untergang Abendland.

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FRÜHER HABEN Kunst und Magie die Menschen in Erstaunen versetzt, heute sind es Technik und Wissenschaft. Wie bei jeder neuen Technologie, so waren auch bei der Einführung des elektrischen Lichts Skepsis und Sorge verbreitet. 1882 hielt mit den ersten 65 Kunden der Edison Illuminating Company in New York die künstliche Beleuchtung Einzug in die USA. In Paris gingen die Damen damals nachts mit Schirmen durch die Strassen, da sie Angst vor dem stechenden Licht der Bogenlampen hatten. Hundert Jahre später begann sich wieder eine neue Technologie auszubreiten, wieder Schirme – Computerbildschirme diesmal.

Wie immer mit dabei: die Angst vor dem Ende bedeutender zivilisatorischer Errungenschaften durch ein neues Medium. „Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Kultur, ist so gross geworden, dass eine Überreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist.” Geschrieben 1878 von dem Philosophen Friedrich Nietzsche.

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music defense leagueJEDE ZEIT hat die zu ihr passende drohende Kultur-Apokalypse. „Ist unsere Zivilisation dem Untergang geweiht, weil wir uns heillos von Maschinen abhängig machen?”, fragte Bennett Lincoln 1930 in dem Magazin „Modern Mechanics”. 1927 war der erste Tonfilm ins Kino gekommen, in den folgenden drei Jahren verloren 22.000 Musiker aus Stummfilmorchestern ihre Jobs. Proteste gegen die „Robotermusik” führten 1930 zur Gründung der Music Defense League, die um Unterstützung im Kampf um die Arbeitsplätze der Stummfilmmusiker warb. Auf Anzeigenmotiven zu sehen war unter anderem ein Banjo spielender Roboter – mit seiner mechanischen Serenade sei er dem echten Troubadour fundamental unterlegen: „Der Roboter kann nicht fröhlich noch traurig noch sentimental sein.”

Mit der Ausbreitung des Fernsehens stand dem Ideal des in die Imaginationstiefen von Büchern tauchenden Lesemenschen ein gefährliches graues Leuchten gegenüber, das handgesägte Gedanken durch vorgefertigte Bilder ausser Kraft zu setzen drohte. Mit dem Walkman kam der erste Entwurf des quasi-autistisch isolierten, technisch zombifizierten Jugendlichen, der wenig später ein Update als blasser, sozial gestörter Computerfreak erfuhr (Mit der Einstellung der Walkman-Produktion im Frühjahr 2010 wurde die Staffette der Belämmerungsmaschinen offiziell an den iPod weitergegeben).

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KULTURPESSIMISMUS IST Revolution für Faule. Das Ende vom Lied möchte der Kulturpessimist gern geliefert bekommen, am liebsten von einer ultimativen Übermacht. Der Deutsche etwa liebt den pompösen Untergang, das Wagnerianische, auch wenn es furchtbar eitel ist („Die Welt geht unter und ICH bin dabei“), während der Amerikaner die Apokalypse nach Art der Erweckungstheologie bevorzugt, die Hilfe gegen die masslose Überschätzung der Vernunft verspricht.

Die Situation ist nicht ganz unkompliziert, da auch die Freunde des digitalen Fortschritts ganz gern mit kulturpessimistischen Methoden spielen. So freut sich der gewöhnliche Nerd mit daran, dass die Erde in Douglas Adams berühmter fünfteiliger Trilogie „Per Anhalter durch die Galaxis” einer kosmischen Umgehungsstrasse weichen muss und gesprengt wird.

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„Gesellschaften scheitern, das zeigt die Geschichte, nicht an Rohstoffknappheiten”, schreibt der Zukunftsforscher Matthias Horx. „Sie scheitern an ihren übersteigerten inneren Ängsten.”

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Schweinderl