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Die Phone-Finger

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Alles wird virtualisiert. Ein neues, kleines Hilfsmittel unterstützt uns beispielsweise dabei, konkreten Schmutz in schmutzige Gedanken zu transformieren

Vielleicht versteht man die Produkte, um die es heute geht erst, wenn man die Perspektive wechselt. Wenn man sich an Marshall McLuhan hält, der schon in den sechziger Jahren erkannte, dass Computer uns dabei helfen, Probleme schneller zu lösen, die wir ohne Computer überhaupt nicht gehabt hätten. Oder etwas genereller: dass der Mensch neue Zivilisationstechniken nicht entwickelt, damit irgend etwas einfacher wird, sondern im Gegenteil, damit die Schwierigkeiten zunehmen. Es sind Herausforderungen, die der Mensch sich selbst stellt und mit denen er sein Zerebrum in immer neue und permutierte Resonanzen zu versetzen sucht.

Betrachtet man die Welt auf diese Weise, ist zum Beispiel Telekommunikation die umständlichste derzeit bekannte Art, miteinander zu telefonieren, da nicht mehr nur zwei Telefone über eine Leitung miteinander verbunden werden, sondern nunmehr auch noch Computer und eine Menge anderer komplizierter Sachen; außerdem verlaufen die Verbindungen nicht mehr linear, sondern in Netzen.

Jemand, der dem Fortschritt zugewandt ist, wird sich also nicht mit den jeweiligen Großproblemquellen, namentlich Computer und Internet, zufriedengeben sondern dankbar jede weitere Verkomplizierung begrüßen, die als Add-on angeboten wird.

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Und hier kommen die Phone-Finger ins Spiel. Dabei handelt es sich um Latexhüllen, die in der Art eines Kondoms über die einzelnen Finger gerollt werden, um zu verhindern, dass der empfindliche Touchsreen des iPhone oder welcher berührungsempfindlichen elektronischen Oberfläche auch immer mit Fingerabdrücken und Schmierflecken verunstaltet wird.

Es gibt das ganze in drei unglaublich scheußlichen Farben - Schwarz, Babyblau und Pastellrosa - sowie in Weiss. Man könnte meinen, es handle sich um etwas wie die komplementäre Version fingerloser Autofahrerhandschuhe, wobei diesmal der Handteller nackt bleibt und nur die fünf Finger bedeckt werden. Aber latexüberzogene Finger haben nichts von regulärer Bekleidung, vielmehr sehen die Dinger aus, als habe man mit den Fingern in einen Farbeimer gefaßt. Zudem erinnern die albern für jeden Finger einzeln aufziehbaren Isolatoren an Hosen, wie sie zu Lebzeiten des Manns vom Hauslabjoch a.k.a. Ötzi modern waren, nämlich getrennt anschnallbare Beinröhren.

Der Schmutz, der dem Touchscreen durch die Fingerhülsen (Packung mit 25 Stück für 9,90 Euro) erspart bleibt, wandert nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren in die Phantasie der Rezensenten ab, von denen die wenigsten sich die erotischen Konnotationen verkneifen können, welche die präserhaften Fingergummis evozieren.

Gehobener Schwachsinn, ganz vorne an der Spitze der technischen Zivilisation: Touchscreen und Gestensteuerung, deren schöne Ideenhaftigkeit durch die Randerscheinungen der Körperlichkeit gestört werden, durch Schweiß, Hautunreinheiten und was da sonst noch an Purismusverunreinigungen auf einer Fingerbeere herumgeistert, werden durch diese kleinen Latex-Zusatzvorrichtungen abgeschirmt von anachronistischer Nacktfingrigkeit und dieser animalisch direkten Art, sich einer Maschine zuzuwenden.

Die Erhaltung der Reinheit ist im Übrigen kein technischer oder banal hygienischer Akt, sondern ein religiöser, das heißt, ästhetische Prinzipien sind dabei untergeordnet. Und das katholische Kondomverbot gilt nicht für Finger – Fortschritt also auch an überraschender Stelle. Schon Leonardo da Vinci sehnte sich danach, “reine Gedankenkunst” zu produzieren, unbelastet von den Einschränkungen mechanischer Verfahren. Zu Anfang unseres Jahrhunderts beschrieb Einstein sein fruchtbarstes Werk als “reines Gedankenexperiment”. Mit den neuen quasi Renaissance-Technologien der Digitalisierung können wir endlich unbeschwert von Materialien das Unsichtbare sichtbar machen. Auf die vollkommene Reinheit des Virtuellen hat bisher erst die Kunst Antworten gefunden, allerdings anachronistische: das Krakelige, Ungerade, Dissonante, Fettige, Rostende, das inszeniert Nichtartifizielle.

Bilder und Texte am Bildschirm befindet sich vom ersten Augenblick an im Zustand der Reinschrift und Endfassung. Es gibt kein verbesserndes Verschmutzen des gläsernen Blatts mehr, nur den fortwährenden Anschein, die Arbeit sei immer schon vollendet. Wie spaltbares Material hinter der Sicherheitsscheibe liegen der elektronische Text und das Visuelle in der ungreifbaren Tiefe des Bildschirms. Nun soll durch die Phone Finger die Hardware selbst in einen paradoxen Zustand versetzt werden. Mit so etwas wie Datentaucheranzügen für die Finger ausgestattet, kann man seine Hardware berühren und zugleich unberührt lassen. Und eines machen die Phone Finger unmißverständlich klar: Was der konsequenten Fortentwicklung von Technologie am nachhaltigsten im Weg steht, ist der Mensch.

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(Erstveröffentlicht im Blog der Technology Review)

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Hierzu siehe auch:

Verriß des Monats | April: Jäger des verlorenen Schlafs |
Verriß des Monats | März: der Gestenwürfel |
Verriß des Monats | Februar: Shopping-Porno |
Verriß des Monats | Januar: Vorschläger |

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Schweinderl