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Nur Memmen speichern. Echte Männer löschen.

Vergangen, vergessen, vorüber
Vergangen, vergessen, vorbei
Die Zeit deckt den Mantel darüber
Vergangen, vergessen, vorbei

– Freddy Quinn, 1964

WER NICHT vergessen will, dem wird vergessen. So ist das nun in digitaler Zeit.

Speicherplatz ist kein Thema mehr. Jeder kann sich Kapazität in Terabytes auf dem Schreibtisch leisten und sich auch auf der Weltfestplatte ausbreiten, der Cloud. Das verändert die Ökonomie des Erinnerns. Staatliche Sicherheitsdienste und Unternehmen machen es vor: Erstmal alles behalten. Filtern kann man später immer noch. Der kleine Mann lernt: Sämtliche Urlaubsfotos behalten, auch die verwackelten.

Das, was man vor allem fürchten muss, wenn man maschinell verarbeitet wird, sind die gefährlichen Ungenauigkeiten, Missverständnispotentiale und Fehler, die von Algorithmen immer wieder erzeugt werden, da sie der Komplexität des menschlichen Lebens nicht nahekommen können (und auch gar nicht wollen, sie wollen ja simplifizieren). Etwa, wenn ein nach amerikanischen Bedeutungen suchender Algorithmus in einem Tweet, in dem englische New-York-Touristen britisch umgangssprachlich ankündigen, es so richtig krachen zu lassen, Terrorismusverdächtige zu erkennen meint und die Reisenden noch am Flughafen nach England zurückgeschickt werden.

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DIE SCHLACHT um‘s Erinnern und das Vergessen tobt mit einer neuen, digitalen Vehemenz. Google wurde bereits gerichtlich gezwungen, gelegentlich etwas zu vergessen. Früher, als Speicher noch knapp war, musste man einfach löschen. Löschen war noch etwas für echte Männer. Gelöscht war gelöscht. Die ganze verweichlichte Welt des UNDO, das feige Backups-Erstellen und Festplattenretten gab es nicht. Etwas zu löschen war eine unumkehrbare Entscheidung.

Heute leben wir in einem Zeitalter des umfassenden Speicherwahns. Jeder hebt alles auf, jedenfalls in digitaler Form, denn Daten wiegen nichts und nehmen keinen Raum ein. Und wir wollen nicht löschen, denn Löschen ist in einer Welt, die so voller Daten ist wie die unsere, gleichbedeutend mit aufräumen.

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use your libraryMIT DEN Bürosymbolen am Bildschirm des Apple Macintosh war 1984 der Mülleimer in den digitalen Alltag eingekehrt und mit ihm ein verhängnisvolles Prinzip, nämlich dass eigentlich schon Weggeworfenes wieder aus dem Mülleimer zurückgeholt werden konnte. Zu spüren bekommt man diese Löschmutlosigkeit anlässlich der seltenen Gelegenheiten, zu denen man seine Festplatte aufräumt. Selten, denn man ahnt bereits vorher, dass auf dem Gerät nicht nur nüchterne Daten und Souvenirs vergangener Lebensabschnitte zu finden sein werden, sondern auch komplette Ausführungen seiner selbst.

Um es mit einem analogen Beispiel zu illustrieren. Ich habe – nach wie vor – eine Bücherwand im Wohnzimmer und bringe es nur alle paar Jahre zuwege, sie auszumisten und neu zu sortieren. Ich habe Angst, dabei in einem tagelangen Rausch aus Wiederentdeckungen verlorenzugehen. Vor allem aber habe ich Angst vor der Person, die ich war, als ich das letzte Mal Ordnung gemacht habe – sinnierend, ein Buch in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand. Längst rauche ich nicht mehr, aber ich weiss, ganz tief ist da noch etwas, das durch blosses Büchersortieren wieder in Resonanz geraten kann und mich in eine Person verwandeln könnte, die Zigaretten raucht und eigentlich längst nicht mehr existiert.

Anders ausgedrückt: Ich glaube nicht, dass es so etwas wie Vergessen überhaupt gibt. Man kann Dinge vergraben, sie sedimentieren lassen unter dem Sand der Zeit und dann sieht es so aus, als habe man vergessen, aber alles ist noch da und wartet auf seinen Moment, wieder erinnerlich zu werden.

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MACHT ES einen Unterschied, ob man in einem Karton wühlt, der drei Umzüge lang nicht mehr geöffnet worden war oder im Daten-Fuchsbau einer Festplatte? Das Gedächtnis arbeitet grundlegend anders als eine Festplatte. Was wir Erinnerung nennen, ist ein biologischer Prozess, der mit vielschichtigen Übergängen zu tun hat, mit einem Verblassen, Destillieren, Abmildern, und nichts mit dem An- und Ausknipsen von Bits. Auf einer Festplatte führt schon die Bezeichung „Baumstruktur“ für die Verzeichnisgliederung in eine falsche Vorstellung, nämlich dass es sich um etwas Oberirdisches handle, während das Ganze in Wahrheit vielmehr dem Labyrinth eines Beutetiers gleicht.

the human factorDas, was wir an Daten hamstern, ist weitestgehend Zeug, das wir nicht brauchen. Heizmaterial für die Seele. Es gibt uns das Gefühl, Vorräte zu besitzen, eine archaische Beruhigung. Auch das wird einem schmerzhaft deutlich, während man seine Harddisk durchgräbt und überlegt, wie lange man wohl braucht, um knapp 100.000 gespeicherte Textdateien auch nur zu überfliegen.

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WIR ALLE geben uns einer gigantischen Illusion hin. Wir glauben, dass Computer uns dabei helfen, Dinge zu ordnen. Stets wie mit dem Lineal gezogen stehen die Zeilen auf dem Bildschirm. Aber auch der Begriff „Datenverarbeitung“ führt in die Irre. Die Maschine hilft uns nicht, Daten zu verarbeiten – sie erzeugt Daten. Es ist die schiere Menge, die einem Menschenwesen mit begrenzter Lebenszeit die Grenzen zeigt, und die Feinkörnigkeit dessen, was man da alles so wiederfindet. In der Horizontweite des persönlichen Gespeicherten stösst man ständig auf neue Beweisstücke, dass man gelebt hat; auf Lebenswinzigkeiten, die dazu führen, dass man zu seinem eigenen Spurensicherungstrupp wird.

Es kann auch beglückend sein, wenn man sich mit Computerhilfe auf eine neue Art genau und detailtief erinnern kann. Nicht selten ist es aber so, dass eine unbereinigte Art der Erinnerung den Genuss trübt: haufenweise unscharfe Fotos von der Amerikareise vermitteln einem das Gefühl, ein unscharfer Zeitgenosse zu sein.

Aber der Mensch braucht das Ungefähre, Ungewisse und Unaufgeräumte, um sich zu vergewissern, dass nicht bereits alles festgelegt ist – auch nicht die Vergangenheit – und um sich frei fühlen zu können. Es ist deshalb fast eine Art Naturgesetz, dass Festplatten nie ganz aufgeräumt werden.

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Schweinderl