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Vom Feuer zum Filmchen

Die Realität scheint unter Milliarden selbstgemachter Fotos und Filme zu verschwinden – oder wird sie feinkörniger? Jedenfalls geht es um Zauberei.

HALWAS DEN MENSCHEN massgeblich vom Tier unterscheidet, ist sein Abbildungswille. Er muss immer alles visualisieren. Die Tradition, der wir heute meist mit Hilfe von Kameras folgen, die in Gadgets eingebaut sind, führt seit einigen zehntausend Jahren ziemlich geradlinig durch die Menschheitsgeschichte. Ob es sich um ein leicht bekleidetes Weibchen respektive eine Fruchtbarkeitsgöttin, Haustiere oder Formen der Freizeitgestaltung handelt, all das finden wir bereits an den Wänden der steinzeitlichen Höhlen von Chauvet, Lascaux oder Altamira dargestellt. Mit Pigmentfarben und Fingern dauerte die Anfertigung etwas länger. Heute geht es leider schneller.

Die Tradition dieser Bilder ist noch viel älter als die erhaltenen Artefakte. In etwa dort, wo heute Kenia und Tansania aneinander grenzen, hat sich vor vielleicht einer halben Million Jahren in den Köpfen der ersten modernen Menschen das Bewusstsein erhoben. Die Beherrschung des Feuers hat dabei eine Schlüsselrolle gespielt. Der Mut zu denken kam aus dem Feuer. Der Mut, neben den fassbaren Dingen noch ungeheuerliche flüchtige Bilder zu sehen. Im Schutz des Feuers, das alle anderen Lebewesen fürchten, konnte der Mensch die bis dahin stete Überlebensanspannung ablegen und einen mythischen Moment erleben, den Frieden. In der Vorstellung eines Paradieses lebt dieser Moment in allen Mythen der Menschheit fort.

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see your lifeAM BISHERIGEN ENDE einer leuchtenden Spur durch die Zeiten steht nun die Digitaltechnik. Sie ist der aktuelle Höchststand in der Beherrschung des Feuers. Der Computer erlaubt uns inzwischen die Kontrolle über jedes einzelne Fünkchen, jedes Pixel. Und was ist ein Display anderes als ein virtuelles Ofenloch, in dem ein kaltes Feuer glüht? Die Traumbilder, die das natürliche Feuer in der Grosshirnrinde des Menschen entzündet, werden jetzt vorgefertigt als Programme in unsere Bildöfen eingeschaufelt. Oder wir filmen, fotografieren und photoshoppen selber.

Niemand sollte sich darüber wundern, dass mit immer neuer Technik immer dieselben Motive abgearbeitet werden, mit den ersten Plattenkameras ebenso wie mit den Super-8-Kameras der Sechzigerjahre und den fotografierenden Tablets heute: Mutti, Dackel, Vati, Kinder, Katze. Abbildbarkeit ist dicker als Wasser. Und mit Hilfe von Fotoplattformen wie Flickr ermöglicht uns das Internet erstmals, die ganze Welt an der angeblich künstlerischen Absicht unscharfer Schnappschüsse teilhaben zu lassen.

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sony tragbares tvUND ES SIND nicht einfach Bilder, die Banalitäten als Gedächtnisersatz festhalten, weshalb immer mehr und unendlich viel fotografiert und gefilmchent wird. Es ist auch nicht die offenkundige Bequemlichkeit, die eine Digitalkamera dem analogen Film gegenüber bietet (wobei die sich auch wieder verliert, wenn man ein vielfaches an Zeit ins Korrigieren, Photoshoppen, Teilen oder Ausdrucken der Aufnahmen verwendet).

Es ist eine zutiefste Faszination am Bildermachen, denn der Computer steht in der unmittelbaren Abkunft der Zauberei. Zu den Vorläufern des Bildschirms gehört der Karfunkelstein der Alchemie, der aus eigener Kraft im Dunkeln leuchtet. Heute sitzen wir, die Nachfahren von Merlin, dem Magier, vor unseren Monitor-Kristallen und lassen mit Hilfe moderner, traditionell unverständlicher Beschwörungsformeln („Code“) Tele-Visionen auf der Glasfläche erscheinen. It’s magic.

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Schweinderl