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Die Einknopfwelt

Das Netz gibt sich nicht mehr mit Nutzern zufrieden, es will Mitarbeiter. Und Superkonsumenten.

EIn Fingerdruck genügtVor einer Zeit stand ich bei der Einreise nach China am Flughafen in Peking vor einem Schalter, dahinter eine uniformierte Beamtin. Vorn an dem Schalter waren drei Knöpfe. Sie waren mit klassischen Laune-Symbolen gekennzeichnet, einem lächenden Gesicht, einem neutralen und einem, dessen Mundwinkel nach unten zeigten. Ein englischer Hinweis machte darauf aufmerksam, dass man hier sein Urteil über den Service direkt abgeben könne. Da ich nicht der Anlass sein wollte, dass die Frau in die Kohleminen deportiert wird, liess ich die Finger von den Knöpfen. Im Stillen dachte ich: Das ist ja wie Facebook.

Wobei es auf Facebook einzig die Möglichkeit gibt, etwas zu liken; unlike ist nicht vorgesehen. Diese Reduktion der Ausdrucksvielfalt erinnert mich an das Partyspiel, bei dem einem die Arme auf den Rücken gebunden werden und man mit einem Löffel im Mund ein Ei ins Ziel balancieren muss, eine künstliche Beschränkung also.

armaturenbrett-knopfNach der gängigen Auffassung ist Kommunikationstechnologie dazu da, den Austausch zwischen Menschen zu vereinfachen. Im Gegensatz dazu bin ich der Meinung, dass es genau umgekehrt ist: Der Mensch empfindet ein sonderbares Vergnügen dabei, es sich mit technischer Hilfe schwerer zu machen als nötig.

SMS und Twitter sind gute Beispiele dafür. Während in den Visionen der Experten die Kommunikationstechnik immer bunter, bewegter, multimedialer wurde, entwickelten sich minimalistische Mitteilungsmethoden mit 160 (SMS) respektive 140 Zeichen (Twitter). Beide wurden zu einem rauschenden Erfolg, unter anderem, weil bestimmte Konventionen, bedingt durch die Kürze der Texte, wegfallen. Man grüsst nicht mehr, sondern kommt zur Sache.

raster-knopfDie neuen Mikrokulturformen, wie sie das Internet hervorbringt, sind kürzer, schnipseliger, wimmeliger als herkömmliche Ausdrucksformen. Und ja, sie machen mehr Arbeit. Deutlich mehr als zu der Zeit, als man noch hauptsächlich E-Mails verfasste. Früher hat man einfach gesurft, heute muss man liken, teilen undsoweiter. Das Netz macht inzwischen richtig Arbeit.

Es will, dass wir uns bemerkbar machen. Dass wir mitmachen. Es erwartet unsere tätigen Beiträge. Die Vorstellungen, wie diese Netzarbeit aussehen soll, gehen allerdings ziemlich weit auseinander. Die einen freuen sich, dass es für Mediennutzer inzwischen selbstverständlich geworden ist, die volle alphabetische Ausdrucksbreite anzuwenden, die einem eine Computertastatur bietet. Ich kann sagen, was ich denke und was ich will, notfalls auch in epischer Breite.

Andere träumen von einer Einknopfwelt. In diesem Knopf, mit dem man nichts anderes als Dinge gut finden kann, findet sich ein Stück der alten Weltordnung aus der Zeit vor dem Internet wieder. Damals war die Medienwelt in zwei Teile geteilt: der Journalismus war für die schlechten Nachrichten zuständig, die Werbung für die guten. Dieses Grundprinzip von Werbung, Dinge ausschliesslich gut zu finden, ist nun in dem unscheinbaren Knopf mit dem Daumen-hoch-Symbol institutionalisiert.

Auf dem Schulweg konnte ich früher in der Strassenbahn dem Fahrer über die Schulter schauen. Neben einer grossen Kurbel, mit der die Geschwindigkeit geregelt wurde, gab es einen Knopf, unter dem ein Schild festgeschraubt war, auf dem stand „Totmann“. Lange hielt ich das für einen ungewöhnlichen Firmennamen. Dann erfuhr ich, dass der Knopf so heisst, weil er dazu da ist, festzustellen, ob der Mann, der vor ihm steht, noch lebt oder tot ist. Eine Strassenbahn, in der hundert Fahrgäste sitzen, darf nicht führerlos durch die Stadt fahren, falls der Lenker in Ohnmacht fällt.

shopping buttonWas früher Totmannknopf hiess und heute Sicherheitsfahrschaltung heisst, muss auch von Lokführern in modernen Zügen nach wie vor alle 30 Sekunden betätigt werden. Erfolgt das Signal nicht, wird nach einer Warnung eine Zwangsbremsung eingeleitet. Ein Lokführer erzählte mir, dass er im Urlaub am Strand in den ersten zwei, drei Tagen immer noch alle 30 Sekunden mit dem Fuss in den Sand tritt.

An das Prinzip dieses Totmann-Knopfs jedenfalls erinnert das Konzept des „Kaufen!”-Knopfs, das in immer neuen Erscheinungsformen durch die digitale Welt geistert. Konsumschwäche wird mit sportlich betriebenen Kaufklicks unangestrengt behoben. Früher bekam, wer sich als Mitglied in einem Buchclub nicht entscheiden mochte, den sogenannten „Hauptvorschlagsband” zugeschickt. Diese Methode liesse sich, nach dem Prinzip der Totmann-Schaltung, im Netz konsequenter umsetzen: Wenn man nicht in Abständen einen Knopf drückt, wird geliefert.

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(PRO)
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