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Maschinen gegen den Tod

Moderne Gerätschaft ist Ausdruck technischer Vernunft, so scheint es jedenfalls. Im Inneren ihrer Benutzer aber wogen dunkle Gefühle.

raygunIn der Wirtschaft, wo alles ungewiss ist und viele Interessen im Spiel sind, ist die Angst eine ständige Einrichtung. Beispiele gibt es genug, nicht nur den Schwarzen Freitag vom 24. Oktober 1929 oder den März 2000, in dem die New Economy kollabierte. Irrationale Panik brach aus, geboren aus der Angst vor dem Nichts.

Mit den Medien sind Maschinen gegen die Angst entstanden. Das Online-Universum ist eine gigantischer Apparat gegen den Tod. Alles wird festgehalten, nichts mehr vergeht. Das aufdämmernde Informationszeitalter und die aus der Universalität des digitalen Mediums resultierende universellen Veränderungen verursachen Wellen der Angst.

Heute fürchtet niemand sich mehr davor, beim Segeln über den Rand der Welt zu fallen. Dafür kennen wir andere Ängste – vor Viren, Verkehrsunfällen, vor dem Verschwinden der Welt hinter den Bildschirmen und vor einer elektronischen Einsamkeit. Und eine grundlegend neue Angst, nämlich die sich aufsummierenden Ängste, die aus unserem eigenen Tun und Handeln – und Nichthandeln – hervorgehen. Fürchtete sich der Mensch früherer Zeiten vor Naturgewalten wie einer Sonnenfinsternis, so erschrecken wir Gegenwartsmenschen vor der Sinnesfinsternis unserer eigenen Natur.

Hat eine Angsttendenz sich erst einmal ein Bett gegraben, verstärken auch eigentlich harmlose Bilder wie die des stilisierten jugendlichen Imponierverhaltens die sozialen Ängste. „Thriller“, „Dangerous“ – Wunsch aller hormonbedrängten Heranwachsenden ist es, angsterregend zu sein – Cyberpunk, Cyborg, Maschinenmensch. „Enfants Terribles“, schreckliche Kinder, nannte der französische Graphiker Paul Gavarni eine Bilderfolge, deren Titel sich die Realität angeeignet hat. Die Folgen der Beängstigungen werden sichtbar an Bekleidung wie Bauwesen. Die sozusagen Campingversion der mittelalterlichen Festung – Angst-Architektur par excellence – ist das elektronisch und bruchsicher bewehrte Einfamilienhaus. In den waffenverrückten USA entwirft eine Designerin mit Erfolg kugelsichere Mode für Damen und Herren.

Als mutwilliger Kontrapunkt zu einer alles abmildernden Wohlstandsgesellschaft und dem zugehörigen Lebensgefühl, das sich wie Styropor anfühlt, stürzen Menschen sich an Gummiseile gebunden von Kränen, überklettern vereiste Wasserfälle oder lassen sich wie Bruchholz durch Wildbäche schwemmen. Herzklopfen. Abenteuer. In pastellfarbene Freizeitkleidung geschalt, übt man sich in der Dramatisierung des Alltags. Angst ist Stimulans.

Für manchen sind Angstreize bereits gleichbedeutend mit Intensität, dem Starkgefühl von Leben, und dem koketten Anriss einer Einsicht, die Wolfgang Hildesheimer so formuliert hat: „Nichts im Leben wäre schön oder wichtig gewesen, nichts wesentlich, wenn es den Tod nicht gäbe. Erst wenn man ihn vor Augen hat, wird das Leben lebenswert.“

Im Hochgefühl des Fallschirmspringers, der über einer nächtlich leuchtenden Stadt abspringt, erfüllt sich ein urzeitlicher Traum: einzutreten in das Leuchten des Feuers, das alle Phantasie illuminiert. Nicht nur die Bilder aufsteigen zu lassen aus der züngelnden Formenfülle der Flammen, sondern hinabzusteigen zu den Bildern, in den Kern des Leuchtens.

Wir tauchen ein in das Bildschirmlicht.

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Schweinderl