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Unendlichkeit und Schnee


1969 habe ich um das Recht gekämpft, uneingeschränkt fernsehen zu dürfen. Außerdem habe ich Krieg geführt und versucht, in den Weltraum zu gelangen. Ich war zwölf.

Musik war nicht relevant, das vorab. Musik war etwas, das einfach da war, wie im Frühjahr die Gerüche draußen wieder da waren und im Sommer die Mücken, die auf dem Pfützenwasser gehen konnten, während von drüben auf der anderen Seite des Freibads mit dunkelgrünem Wasser und Fischen darin aus einem großen Lautsprecher über der Bretterbude, in der es Eis und Limonade gab, die Belieferung mit Musik erfolgte.

Dass Musik für mich im Jahr 1969 da am Stadtrand von Graz keine weitere Relevanz hatte, muß ich hervorheben, denn wenn von diesem Jahr die Rede ist, tut sich in der gemeinschaftlichen Erinnerung, die sich inzwischen herausgebildet hat, etwas auf wie ein Trichter in sandiger Erde, auf dessen Grund ein Ameisenlöwe auf seine Beute lauert – auf Erinnerungen nämlich, die dort hineinrutschen, obwohl sie ganz woandershin möchten, wobei der Ameisenlöwe das Woodstock-Festival ist, mit dem mein Erinnerungsvermögen 1969 nicht im geringsten in Berührung gekommen ist. Woodstock ist ja zu einem Gravitationszentrum gemeinsamen Erinnerns geworden und fordert, dass man sich erinnert, ob man sich nun tatsächlich erinnern kann oder nicht. Es ist eines dieser zu einer Erinnerungs-Großmacht angeschwollenen Ereignisse, die alle Partikularwirklichkeiten zu beseitigen oder zu unterwerfen versucht; aber Woodstock kann mich mal.

Zu Hause im Keller erzeugte ich in meinem chemischen Laboratorium Bakelit, künstliches Bananenaroma und Raketentreibstoff. In den sechziger Jahren war der Himmel ein technisches Problem. 1957, in meinem Geburtsjahr, hatten die Russen den ersten künstlichen Himmelskörper in eine Erdumlaufbahn ausgesetzt, Sputnik I. Als kleiner Junge fühlte man sich damals ganz selbstverständlich aufgerufen, an der Eroberung des Raums teilzuhaben.

Ich las die ersten fünfhundert Perry Rhodan-Heftchenromane. Rhodan, der Beherrscher des Solaren Imperiums mit den zahllosen Planeten und Lebensformen der Milchstraße, pflegte das All in kilometergroßen Kugelraumschiffen zu bereisen. Auch der Tod war durch Ingenieurskunst aufgehoben. Ein sogenannter Zellaktivator verleiht Perry Rhodan Unsterblichkeit. Dagegen war der klassisch katholische Himmel altmodisch. Und während mit Griffen in den antiken Götterhimmel das amerikanische Raumfahrtprogramm das der Sowjets zu überflügeln begann – Merkur, Gemini, Apollo – , war 1967 im Fernsehen Commander Cliff McLaine mit dem schnellen Raumkreuer Orion VII zur ersten Raumpatrouille gestartet. Wir Jungs bauten aus Draht und Isolierband die Strahlenwaffen der Orion-Crew nach.

Die Raumpatrouille war der Vorstoß in eine Wandlungsform des Jenseitigen: das Hauptabendprogramm des Fernsehens. Wenn die Raumpatrouille flog oder ein Raketenstart von Cape Canaveral anlag, galt eine Ausnahmeregelung entgegen der sonst strikt dosierten Fernsehverfügbarkeit. Die Raumfahrt war die Einflugschneise ins Erwachsenwerden: Fernsehen nicht mehr nur bis zum Sandmännchen, sondern immer.

Im Garten versuchte ich, einen Rundkolben aus Jenaer Glas aus meinem Labor, gefüllt mit einer Schwarzpulvermischung, aus einem gußeisernen Christbaumfuß als Startrampe in eine Erdumlaufbahn zu schießen. Triebwerksmängel und ein Schutzengel führten dazu, dass der Treibsatz nur ein gewaltiges Loch in den Rasen brannte und nicht als wildgewordene Panzerfaust in eines der Nachbarhäuser krachte. Ich beobachtete, wie in den umliegenden Gärten die zum Trocknen aufgehängte Wäsche, von den beissenden Schwefeldioxidschwaden aus meiner Rakete imprägniert, dem Fortschritt zum Opfer fiel, und entdeckte stattdessen die Möglichkeiten der chemischen Kriegführung. Wenig später kontaminierte ich das Schultascheninnere eines feindlichen Mitschülers mit einer Prise Diamantgrün, einem hochwirksamen Farbstoff aus meiner Reagenziensammlung, der schon in geringsten Dosen alles, an dem auch nur eine Spur von Feuchtigkeit haftet, nachhaltig vergrünt.

Das österreichische Fernsehen strahlte die Raumpatrouille am späteren Abend aus. Meine Eltern waren der Meinung, ich dürfe zu dieser Zeit nicht mehr fernsehen. Ich trat mir absichtlich einen Glassplitter in den Fuß, um ihn mir tapfer von meiner Mutter herausziehen zu lassen und zur Belohnung eine spezielle Fernsehgenehmigung zu erhalten. Über den Fernseher wachten meine Eltern wie über einen Tresor. Erst Wochen nach der Anschaffung des Geräts erlaubte mein Vater mir zum ersten Mal, den Knopf zum Umschalten vom ersten ins zweite Programm zu drücken. Das bestärkte mich in dem Gefühl, den Zugang zu einer geheimnisvollen, aufregenden Welt vor mir zu haben.

Die Raumpatrouille war jedes Blutopfer wert. Wenn Dietmar Schönherr vulgo Commander McLaine aus der Unterseebar, in der Damen mit zukunftshaft gelöcherter Kleidung tanzten, zu einem Alarm-Einsatz gerufen wurde und aus den Fluten eines trickvergrößerten Abflußstrudels der prachtvolle Patrouillenraumer in die Weiten des Alls aufstieg, leuchtete meine Begeisterung hundertmal heller als die Fernsehlampe auf dem Wohnzimmerschrank, eine venezianische Gondel aus Plastik. Seither durfte ich also später fernsehen und sah dann auch einen Bericht aus Vietnam, der einen schreienden, schwer verwundeter GI zeigte, den ein Kamerad wie ein Baby im Arm hielt und streichelte.

Die erste Mondlandung habe ich in einem Landgasthaus in den Alpen gesehen. In dieser langen Nacht trank ich vor Aufregung zwei Liter Cola mit der Folge, dass ich Colageschmack bis heute nicht mehr vertrage. Die nachfolgenden Mondlandemissionen, mit denen dann die siebziger Jahre begannen, waren unbedeutend, langweilig und grau wie der Mond. Der eine, entscheidende Moment war schon verglüht. Erinnert sich noch jemand an die zweite Mondlandung im November 1969? Oder an die letzte?

Das eigentliche Produkt der Mondlandemission war längst eingefahren. Es war nie um Forschung gegangen, sondern immer nur darum, Wolkenkratzer zu bauen, die fliegen können. Es war einzig darum gegangen, mit den riesigen Raketen den Stahlhochbau zu der selben Vollendung zu bringen, zu der die alten Ägypter mit dem Pyramidenbau die Steinbearbeitung geführt hatten. Die Ähnlichkeiten zwischen einer Mumie und einem Astronauten in seinem weißen Schutzanzug sind unübersehbar. Und beide Großbauten, Pyramide und Rakete, dienen der Reise in die Unendlichkeit und der Produktion eines einzigartigen Gemeinschaftsgefühls: Wir sind die Menschheit.

Manchmal sah ich einen ganzen Nachmittag lang fern, während eine mächtige Saturn V-Rakete im Startturm wartete, Kältewolken von den Tankwänden wehten und Professor Heinz Haber in Fernsehen die wissenschaftlichen  Hintergründe erläuterte.

Heute stagniert die technische Himmelsbewältigung. Die Erde hat sich in einen Schleier aus Satelliten gehüllt, aber nach der Challenger-Katastrophe trat die Hoffnungslosigkeit der bemannten Raumfahrt unübersehbar zu Tage. Der Versuch, den lebensfeindlichen Weltraum mit menschlichem Eroberungsdrang zu erwärmen, ist gescheitert. Längst wenden wir das All auf technologischem Weg nach Innen. Das Internet ist die Demokratisierung der Raumfahrt – nun kann jeder mitfliegen.

Schöne Kälte ist es, woran ich mich am eindrucksvollsten erinnere aus dem Jahr 1969. Nachdem mit der Übertragung der ersten Mondlandung am 21. Juli die längste Fernsehsendung in der Geschichte des österreichischen Rundfunks stattgefunden hatte, ging das Jahr in den längsten Winter im 20. Jahrhundert über – mit Schnee von Mitte Oktober bis Anfang Mai, und die zweite Schneise ins Erwachsenwerden schippte ich mir frei mit einer Schneeschaufel aus hellem Holz, bis es dann an einem Tag nicht mehr ging und der Schnee einen halben Meter hoch lag, keine Schule, ganz weit oben wieder ein paar Leute auf dem Mond, und ich ging hinunter in den Keller und zündete den Bunsenbrenner auf der kleinen Propangaskartusche an und hielt ein Glasröhrchen in die Flamme, bis es zu glühen begann und weich wurde und ich es zu einem Haarröhrchen auseinanderziehen konnte. In der Weichheit und dem gläsernen Haar war auch schon etwas, für das es erst später Worte gab und das von dem Nachbarsmädchen herkam, das in der Früh auf dem Weg in die Schule immer mit mir im selben Bus fuhr.


Der Text ist ein Auszug eus einer Erzählung in der Anthologie “1969”
der edition kürbis, herausgegeben von Wolfgang Pollanz.
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