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June 13 2016

June 04 2016

June 03 2016

Digitale Vervielfältigung: Kopier mich!

Die Entwicklung der Welt beruht nicht auf ehernen Originalen, sondern auf dem Kopierprinzip.

May 27 2016

May 23 2016

May 17 2016

May 10 2016

May 06 2016

Computerwelt: Künstliche Kreativität

Probleme mit Hilfe des Computers zu lösen, ist nicht einfach. Das Problem sind die Probleme: Wie macht man dem Computer überhaupt klar, was ein Problem ist? Die Hardware ist willig, aber die Software ist schwach.

April 28 2016

April 22 2016

April 17 2016

April 08 2016

Kleine Geschichte des weichen Übergangs: Die runde Ecke ist überall

Die Digitaltechnik ist ein einziges Bemühen, den harten Übergang von 0 auf 1 virtuell weicher zu gestalten.

May 18 2015

Maschinen gegen den Tod

Moderne Gerätschaft ist Ausdruck technischer Vernunft, so scheint es jedenfalls. Im Inneren ihrer Benutzer aber wogen dunkle Gefühle.

raygunIn der Wirtschaft, wo alles ungewiss ist und viele Interessen im Spiel sind, ist die Angst eine ständige Einrichtung. Beispiele gibt es genug, nicht nur den Schwarzen Freitag vom 24. Oktober 1929 oder den März 2000, in dem die New Economy kollabierte. Irrationale Panik brach aus, geboren aus der Angst vor dem Nichts.

Mit den Medien sind Maschinen gegen die Angst entstanden. Das Online-Universum ist eine gigantischer Apparat gegen den Tod. Alles wird festgehalten, nichts mehr vergeht. Das aufdämmernde Informationszeitalter und die aus der Universalität des digitalen Mediums resultierende universellen Veränderungen verursachen Wellen der Angst.

Heute fürchtet niemand sich mehr davor, beim Segeln über den Rand der Welt zu fallen. Dafür kennen wir andere Ängste – vor Viren, Verkehrsunfällen, vor dem Verschwinden der Welt hinter den Bildschirmen und vor einer elektronischen Einsamkeit. Und eine grundlegend neue Angst, nämlich die sich aufsummierenden Ängste, die aus unserem eigenen Tun und Handeln – und Nichthandeln – hervorgehen. Fürchtete sich der Mensch früherer Zeiten vor Naturgewalten wie einer Sonnenfinsternis, so erschrecken wir Gegenwartsmenschen vor der Sinnesfinsternis unserer eigenen Natur.

Hat eine Angsttendenz sich erst einmal ein Bett gegraben, verstärken auch eigentlich harmlose Bilder wie die des stilisierten jugendlichen Imponierverhaltens die sozialen Ängste. „Thriller“, „Dangerous“ – Wunsch aller hormonbedrängten Heranwachsenden ist es, angsterregend zu sein – Cyberpunk, Cyborg, Maschinenmensch. „Enfants Terribles“, schreckliche Kinder, nannte der französische Graphiker Paul Gavarni eine Bilderfolge, deren Titel sich die Realität angeeignet hat. Die Folgen der Beängstigungen werden sichtbar an Bekleidung wie Bauwesen. Die sozusagen Campingversion der mittelalterlichen Festung – Angst-Architektur par excellence – ist das elektronisch und bruchsicher bewehrte Einfamilienhaus. In den waffenverrückten USA entwirft eine Designerin mit Erfolg kugelsichere Mode für Damen und Herren.

Als mutwilliger Kontrapunkt zu einer alles abmildernden Wohlstandsgesellschaft und dem zugehörigen Lebensgefühl, das sich wie Styropor anfühlt, stürzen Menschen sich an Gummiseile gebunden von Kränen, überklettern vereiste Wasserfälle oder lassen sich wie Bruchholz durch Wildbäche schwemmen. Herzklopfen. Abenteuer. In pastellfarbene Freizeitkleidung geschalt, übt man sich in der Dramatisierung des Alltags. Angst ist Stimulans.

Für manchen sind Angstreize bereits gleichbedeutend mit Intensität, dem Starkgefühl von Leben, und dem koketten Anriss einer Einsicht, die Wolfgang Hildesheimer so formuliert hat: „Nichts im Leben wäre schön oder wichtig gewesen, nichts wesentlich, wenn es den Tod nicht gäbe. Erst wenn man ihn vor Augen hat, wird das Leben lebenswert.“

Im Hochgefühl des Fallschirmspringers, der über einer nächtlich leuchtenden Stadt abspringt, erfüllt sich ein urzeitlicher Traum: einzutreten in das Leuchten des Feuers, das alle Phantasie illuminiert. Nicht nur die Bilder aufsteigen zu lassen aus der züngelnden Formenfülle der Flammen, sondern hinabzusteigen zu den Bildern, in den Kern des Leuchtens.

Wir tauchen ein in das Bildschirmlicht.

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May 12 2015

Die Einknopfwelt

Das Netz gibt sich nicht mehr mit Nutzern zufrieden, es will Mitarbeiter. Und Superkonsumenten.

EIn Fingerdruck genügtVor einer Zeit stand ich bei der Einreise nach China am Flughafen in Peking vor einem Schalter, dahinter eine uniformierte Beamtin. Vorn an dem Schalter waren drei Knöpfe. Sie waren mit klassischen Laune-Symbolen gekennzeichnet, einem lächenden Gesicht, einem neutralen und einem, dessen Mundwinkel nach unten zeigten. Ein englischer Hinweis machte darauf aufmerksam, dass man hier sein Urteil über den Service direkt abgeben könne. Da ich nicht der Anlass sein wollte, dass die Frau in die Kohleminen deportiert wird, liess ich die Finger von den Knöpfen. Im Stillen dachte ich: Das ist ja wie Facebook.

Wobei es auf Facebook einzig die Möglichkeit gibt, etwas zu liken; unlike ist nicht vorgesehen. Diese Reduktion der Ausdrucksvielfalt erinnert mich an das Partyspiel, bei dem einem die Arme auf den Rücken gebunden werden und man mit einem Löffel im Mund ein Ei ins Ziel balancieren muss, eine künstliche Beschränkung also.

armaturenbrett-knopfNach der gängigen Auffassung ist Kommunikationstechnologie dazu da, den Austausch zwischen Menschen zu vereinfachen. Im Gegensatz dazu bin ich der Meinung, dass es genau umgekehrt ist: Der Mensch empfindet ein sonderbares Vergnügen dabei, es sich mit technischer Hilfe schwerer zu machen als nötig.

SMS und Twitter sind gute Beispiele dafür. Während in den Visionen der Experten die Kommunikationstechnik immer bunter, bewegter, multimedialer wurde, entwickelten sich minimalistische Mitteilungsmethoden mit 160 (SMS) respektive 140 Zeichen (Twitter). Beide wurden zu einem rauschenden Erfolg, unter anderem, weil bestimmte Konventionen, bedingt durch die Kürze der Texte, wegfallen. Man grüsst nicht mehr, sondern kommt zur Sache.

raster-knopfDie neuen Mikrokulturformen, wie sie das Internet hervorbringt, sind kürzer, schnipseliger, wimmeliger als herkömmliche Ausdrucksformen. Und ja, sie machen mehr Arbeit. Deutlich mehr als zu der Zeit, als man noch hauptsächlich E-Mails verfasste. Früher hat man einfach gesurft, heute muss man liken, teilen undsoweiter. Das Netz macht inzwischen richtig Arbeit.

Es will, dass wir uns bemerkbar machen. Dass wir mitmachen. Es erwartet unsere tätigen Beiträge. Die Vorstellungen, wie diese Netzarbeit aussehen soll, gehen allerdings ziemlich weit auseinander. Die einen freuen sich, dass es für Mediennutzer inzwischen selbstverständlich geworden ist, die volle alphabetische Ausdrucksbreite anzuwenden, die einem eine Computertastatur bietet. Ich kann sagen, was ich denke und was ich will, notfalls auch in epischer Breite.

Andere träumen von einer Einknopfwelt. In diesem Knopf, mit dem man nichts anderes als Dinge gut finden kann, findet sich ein Stück der alten Weltordnung aus der Zeit vor dem Internet wieder. Damals war die Medienwelt in zwei Teile geteilt: der Journalismus war für die schlechten Nachrichten zuständig, die Werbung für die guten. Dieses Grundprinzip von Werbung, Dinge ausschliesslich gut zu finden, ist nun in dem unscheinbaren Knopf mit dem Daumen-hoch-Symbol institutionalisiert.

Auf dem Schulweg konnte ich früher in der Strassenbahn dem Fahrer über die Schulter schauen. Neben einer grossen Kurbel, mit der die Geschwindigkeit geregelt wurde, gab es einen Knopf, unter dem ein Schild festgeschraubt war, auf dem stand „Totmann“. Lange hielt ich das für einen ungewöhnlichen Firmennamen. Dann erfuhr ich, dass der Knopf so heisst, weil er dazu da ist, festzustellen, ob der Mann, der vor ihm steht, noch lebt oder tot ist. Eine Strassenbahn, in der hundert Fahrgäste sitzen, darf nicht führerlos durch die Stadt fahren, falls der Lenker in Ohnmacht fällt.

shopping buttonWas früher Totmannknopf hiess und heute Sicherheitsfahrschaltung heisst, muss auch von Lokführern in modernen Zügen nach wie vor alle 30 Sekunden betätigt werden. Erfolgt das Signal nicht, wird nach einer Warnung eine Zwangsbremsung eingeleitet. Ein Lokführer erzählte mir, dass er im Urlaub am Strand in den ersten zwei, drei Tagen immer noch alle 30 Sekunden mit dem Fuss in den Sand tritt.

An das Prinzip dieses Totmann-Knopfs jedenfalls erinnert das Konzept des „Kaufen!”-Knopfs, das in immer neuen Erscheinungsformen durch die digitale Welt geistert. Konsumschwäche wird mit sportlich betriebenen Kaufklicks unangestrengt behoben. Früher bekam, wer sich als Mitglied in einem Buchclub nicht entscheiden mochte, den sogenannten „Hauptvorschlagsband” zugeschickt. Diese Methode liesse sich, nach dem Prinzip der Totmann-Schaltung, im Netz konsequenter umsetzen: Wenn man nicht in Abständen einen Knopf drückt, wird geliefert.

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May 04 2015

Die Zeit der Weltausstellungen ist vorbei

Schon die Unterschiede in der Bauausführung sind symptomatisch:

weltausstellung mailand 1906Weltausstellung in Mailand, 1906: Am 28. April 1906 wurde im Rahmen der Weltausstellung in Mailand das Acquario Civico di Milano eröffnet. Das Aquarium ist das einzige heute noch erhaltene Gebäude dieser Weltausstellung. Am 3. August 1906 brach auf dem Gelände ein Feuer aus, das mehrere Gebäude und Pavillons zerstörte, darunter den Pavillon der Angewandten Künste. Innerhalb von 40 Tagen wurden die Bauten neu errichtet und von König Viktor Emanuel III. wiedereröffnet. (Wikipedia, „Weltausstellung Mailand 1906“)

Weltausstellung in Mailand, 2015: „Fahrradwege, Brückenzugänge – selbst der italienische Hauptpavillon ist nicht rechtzeitig zur Eröffnung am 1. Mai fertig geworden. … [Der Pavillon] bleibt einfach bis zum Ende der Expo leer. Italienischer Not-Pragmatismus. Ausgerechnet dieser Bau soll als einziger auf dem Areal stehen bleiben.“ (Laura Weißmüller, „Bulldozers Fluch“; Süddeutsche Zeitung)

Die Zeit der Weltausstellungen ist vorbei. Es waren Orte, an denen die neuesten technischen Erfindungen in kühnen Formen temporärer Architektur wie dem Londoner Crystal Palace gezeigt wurden. 1876 in Philadelphia, auf der ersten Weltausstellung in Amerika, präsentierte Alexander Graham Bell das Telefon und Thomas Alva Edison führte den Telegrafen vor. Mit dem Atomium, erbaut für die Expo 58 in Brüssel und der zur Expo 62 in Seattle errichteten Space Needle entstanden Symbole einer Technikeuphorie, die längst von einer Realität nach Tschernobyl, Challenger und Fukushima eingeholt worden ist. Weltausstellungen im 21. Jahrhundert sind zu einer Mischung aus Wurstbuden, Pappmaché und krampfhaft Ewigmorgigem verkommen.

Wir leben in einer Zeit, in der die Zukunft zunehmend von der Gegenwart eingeholt wird. Die Bekanntgabe von Innovation und Veränderung ist mit dem Internet ins Fliessen geraten und braucht eigentlich keinen Jahrmarkt der nationalen Eitelkeiten mehr.

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Schöne Links: Diesmal eine kleine Anthologie aus Weltausstellungs-Fundstücken

{ Für Systematiker gibt es in der Wikipedia es eine → Liste der Weltausstellungen | Hier eine Schatzsammlung an → Kunst und Architektur der Weltausstellungen 1851-1970 aus der digitalen Sammlung der University of Maryland. | In der → World’s Fair Community finden Weltausstellungsfans und -historiker ein gut strukturiertes Forum. |

Die → World’s Columbian Exposition 1893 war eine in Chicago veranstaltete Weltausstellung, die zum vierhundertsten Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus stattfand. Da die Bauarbeiten zur Eröffnungsfeier am 21. Oktober 1892 noch nicht beendet waren, fand die offizielle Eröffnung erst ein Jahr nach dem Jubiläum statt. Fast 30 Millonen Menschen kamen, um ein von → Nikola Tesla und George Westinghouse eingerichtetes → elektrisches Lichtermeer zu sehen. |

Bilder der → Weltausstellung 1904 in Missouri, aus der Fotovielfalt des Missouri History Museum auf Flickr. | Und digitalisierte Photographien und Stereographien der → Philippinischen Ausstellung. |

Bilder aus dem → offiziellen Katalog zur Weltausstellung in Chicago 1933-1934, sie stand unter dem Motto → „Ein Jahrhundert des Fortschritts“. |

1939: Ein ehemaliger Aschehügel im New Yorker Stadtteil Queens wird → zum Gelände einer Weltausstellung, an der China und Deutschland nicht teilnehmen – China führt gegen Japan Krieg, und das nationalsozialistische Deutschland lehnt die Beteiligung an einer angeblich „überwiegend von Juden“ organisierten Ausstellung ab. | Im Westinghouse Building wird → Elektro the Mechanical Man gezeigt. | Alte → Schwarzweissanufnahmen. | → Zeitungswerbung für die Ausstellung. | → „Die Welt von morgen“, ein beschwingtes Filmchen über die Welt von 1939. | → Futurama ist eines der eindrucksvollen architektonischen Wahrzeichen. Sponsor General Motors zeigt → automatische Autobahnen und riesige Vorstädte. |

Bildschirmfoto 2015-05-05 um 01.38.151962: Seattle. Im Jahr vor der Eröffnung beginnt die Konstruktion der → Space Needle. Ein → heroisches Bild des Bauwerks. Und → das offizielle Poster der „Century 21 Expo”. | Ein → Malbuch mit Mondmäusen, passend zur Space Needle. | Sowie das japanische → Bunraku-Puppentheater auf der Expo.

Eine kontroverse Weltausstellung fand 1964-65 in New York statt, initiiert von Geschäftsleuten, die ihre Kindheitserinnerungen an die Weltausstellung 1939 auf den neuesten Stand bringen wollten. Hier ein → Potpourri der Pavillons, der farbenfrohe Umschlag → einer Werbebroschüre und das wie ein leuchtendes Raumfahrzeug erscheinende neue → Futurama.

Auf Flickr gibt es → einen ganzen Fotopool zum ehemaligen und heutigen Zustand des Ausstellungsgeländes. Dem → Futurama ist ein eigener Pool gewidmet. | Eine schöne Lesegeschichte von Adam Clark Estes: → My Accidental Pilgrimage to the 1964 World’s Fair Site. | → Sammelbilder und → Expo-Trinkgläser als Sammlerobjekte. Dazu eine Werbeanzeige für die → General Cigar’s Hall of Magic, überschwebt von gigantischen Rauchringen.

Wohnzimmerlampenkaskaden in architektonischer Gigantform und Sichtbeton mit Rundungen: Weltausstellung → 1970 in Osaka. Dazu ein Bauwerk → mit Tentakeln. | Eine Art Vorversion des französischen → Centre Pompidou, in dem gerade Ufos gelandet sind: → der Pavillon des japanischen → Sumitomo-Konzerns. | Und → der thailändische Pavillon. | }

{Wird fortgesetzt}

April 28 2015

Nur kurz: Ordnung und Cyberkeit

vexierspiel hochhäuser in kairo

 

 

 

 

 

Ein Vexierspiel: Welches der beiden Hochhäuser in Kairo steht im Vordergrund und welches im Hintergrund?

(Foto: David Evers / Daveness_98 | CC-2.0)

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Stille Tage im Plissé

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Teuer macht lustig.

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Pisa Margherita – deutsche Schüler schneiden besser ab.

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Gruss Missiles

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Haftcreme statt elektronischer Fussfessel?

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Kleine Investoren-Typologie, heute: der Schiffsanleger

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Ordnung und Cyberkeit

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Schöne Links: { Ein Spiel aus Japan: → tuttuki bako – Fang den Panda! Man muss dazu nur seinen Finger in den Minibildschirm stecken. | Der meditative → YouTube-Ring aus dem Kloster der Spiritsurfers | Die vom südmährischen Innovationszentrum unterstützte tschechische Designergruppe meduse design ist zu der Auffassung gelangt, dass Wasserpfeifen nicht aussehen müssen wie orientalische Blumenvasen mit Grillaufsatz. Den → medusepipes zu danken, brauchen auch Wasserpfeifengeneigte nun keinen Stilbruch mehr zu befürchten. | Die Zukunft, wie sie → auf Groschenheft-Umschlägen aussah. | Und hier noch der inzwischen leider verstorbene US-Comedian Brian Chic mit der angeblichen deutschen Originalversion des englischen Kinderlieds → Pop Goes the Weasel. }

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April 27 2015

Vom Feuer zum Filmchen

Die Realität scheint unter Milliarden selbstgemachter Fotos und Filme zu verschwinden – oder wird sie feinkörniger? Jedenfalls geht es um Zauberei.

HALWAS DEN MENSCHEN massgeblich vom Tier unterscheidet, ist sein Abbildungswille. Er muss immer alles visualisieren. Die Tradition, der wir heute meist mit Hilfe von Kameras folgen, die in Gadgets eingebaut sind, führt seit einigen zehntausend Jahren ziemlich geradlinig durch die Menschheitsgeschichte. Ob es sich um ein leicht bekleidetes Weibchen respektive eine Fruchtbarkeitsgöttin, Haustiere oder Formen der Freizeitgestaltung handelt, all das finden wir bereits an den Wänden der steinzeitlichen Höhlen von Chauvet, Lascaux oder Altamira dargestellt. Mit Pigmentfarben und Fingern dauerte die Anfertigung etwas länger. Heute geht es leider schneller.

Die Tradition dieser Bilder ist noch viel älter als die erhaltenen Artefakte. In etwa dort, wo heute Kenia und Tansania aneinander grenzen, hat sich vor vielleicht einer halben Million Jahren in den Köpfen der ersten modernen Menschen das Bewusstsein erhoben. Die Beherrschung des Feuers hat dabei eine Schlüsselrolle gespielt. Der Mut zu denken kam aus dem Feuer. Der Mut, neben den fassbaren Dingen noch ungeheuerliche flüchtige Bilder zu sehen. Im Schutz des Feuers, das alle anderen Lebewesen fürchten, konnte der Mensch die bis dahin stete Überlebensanspannung ablegen und einen mythischen Moment erleben, den Frieden. In der Vorstellung eines Paradieses lebt dieser Moment in allen Mythen der Menschheit fort.

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see your lifeAM BISHERIGEN ENDE einer leuchtenden Spur durch die Zeiten steht nun die Digitaltechnik. Sie ist der aktuelle Höchststand in der Beherrschung des Feuers. Der Computer erlaubt uns inzwischen die Kontrolle über jedes einzelne Fünkchen, jedes Pixel. Und was ist ein Display anderes als ein virtuelles Ofenloch, in dem ein kaltes Feuer glüht? Die Traumbilder, die das natürliche Feuer in der Grosshirnrinde des Menschen entzündet, werden jetzt vorgefertigt als Programme in unsere Bildöfen eingeschaufelt. Oder wir filmen, fotografieren und photoshoppen selber.

Niemand sollte sich darüber wundern, dass mit immer neuer Technik immer dieselben Motive abgearbeitet werden, mit den ersten Plattenkameras ebenso wie mit den Super-8-Kameras der Sechzigerjahre und den fotografierenden Tablets heute: Mutti, Dackel, Vati, Kinder, Katze. Abbildbarkeit ist dicker als Wasser. Und mit Hilfe von Fotoplattformen wie Flickr ermöglicht uns das Internet erstmals, die ganze Welt an der angeblich künstlerischen Absicht unscharfer Schnappschüsse teilhaben zu lassen.

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sony tragbares tvUND ES SIND nicht einfach Bilder, die Banalitäten als Gedächtnisersatz festhalten, weshalb immer mehr und unendlich viel fotografiert und gefilmchent wird. Es ist auch nicht die offenkundige Bequemlichkeit, die eine Digitalkamera dem analogen Film gegenüber bietet (wobei die sich auch wieder verliert, wenn man ein vielfaches an Zeit ins Korrigieren, Photoshoppen, Teilen oder Ausdrucken der Aufnahmen verwendet).

Es ist eine zutiefste Faszination am Bildermachen, denn der Computer steht in der unmittelbaren Abkunft der Zauberei. Zu den Vorläufern des Bildschirms gehört der Karfunkelstein der Alchemie, der aus eigener Kraft im Dunkeln leuchtet. Heute sitzen wir, die Nachfahren von Merlin, dem Magier, vor unseren Monitor-Kristallen und lassen mit Hilfe moderner, traditionell unverständlicher Beschwörungsformeln („Code“) Tele-Visionen auf der Glasfläche erscheinen. It’s magic.

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April 22 2015

Nur kurz: Gewinneinbrecher

Aufziehbarer Weltraumelefant

 

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Streik ist Nichtleistungsschutzrecht

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Auf Bahnhöfen und Flughäfen sollen nun auch Nichtdenkerzonen eingerichtet werden.

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Angeblich entwickelt der militärische Arm von Facebook gerade einen Feindefinder.

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Verlesen: AKW-Maut

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S-Kultur

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Misstrauensbildende Massnahmen

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Karl-Theodor zu Guttenberg Reloaded: Grand Theft Autor V

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Gewinneinbrecher

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Schöne Links: { Der japanische Webdesigner → Nobuyuki Kayahara hat eine bemerkenswerte optische Illusion geschaffen: → das Spinning Girl dreht sich, wenn man etwas länger hinschaut, scheinbar in beide Richtungen, im Uhrzeigersinn als auch dagegen. Aus Gründen der Gleichstellung hat Peter Oksbjerre danach einen → Spinning Man geschaffen. Und natürlich hat die → Spinning Cat nicht lange auf sich warten lassen. | Abhilfe bei scheuernden Sicherheitsgurten soll → dieser Sicherheitsgurtteddybär bringen. Aber was hilft gegen bescheuerte Werbespots? | Der Robotic Chair, den Raffaello D’Andrea gemeinsam mit Max Dean und Matt Donovan gebaut hat, sieht aus wie ein gewöhnlicher Küchenstuhl. Aber er fällt auseinander und baut sich, wie man → in dem Video sehen kann, selbst wieder zusammen. }

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April 20 2015

Nur Memmen speichern. Echte Männer löschen.

Vergangen, vergessen, vorüber
Vergangen, vergessen, vorbei
Die Zeit deckt den Mantel darüber
Vergangen, vergessen, vorbei

– Freddy Quinn, 1964

WER NICHT vergessen will, dem wird vergessen. So ist das nun in digitaler Zeit.

Speicherplatz ist kein Thema mehr. Jeder kann sich Kapazität in Terabytes auf dem Schreibtisch leisten und sich auch auf der Weltfestplatte ausbreiten, der Cloud. Das verändert die Ökonomie des Erinnerns. Staatliche Sicherheitsdienste und Unternehmen machen es vor: Erstmal alles behalten. Filtern kann man später immer noch. Der kleine Mann lernt: Sämtliche Urlaubsfotos behalten, auch die verwackelten.

Das, was man vor allem fürchten muss, wenn man maschinell verarbeitet wird, sind die gefährlichen Ungenauigkeiten, Missverständnispotentiale und Fehler, die von Algorithmen immer wieder erzeugt werden, da sie der Komplexität des menschlichen Lebens nicht nahekommen können (und auch gar nicht wollen, sie wollen ja simplifizieren). Etwa, wenn ein nach amerikanischen Bedeutungen suchender Algorithmus in einem Tweet, in dem englische New-York-Touristen britisch umgangssprachlich ankündigen, es so richtig krachen zu lassen, Terrorismusverdächtige zu erkennen meint und die Reisenden noch am Flughafen nach England zurückgeschickt werden.

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DIE SCHLACHT um‘s Erinnern und das Vergessen tobt mit einer neuen, digitalen Vehemenz. Google wurde bereits gerichtlich gezwungen, gelegentlich etwas zu vergessen. Früher, als Speicher noch knapp war, musste man einfach löschen. Löschen war noch etwas für echte Männer. Gelöscht war gelöscht. Die ganze verweichlichte Welt des UNDO, das feige Backups-Erstellen und Festplattenretten gab es nicht. Etwas zu löschen war eine unumkehrbare Entscheidung.

Heute leben wir in einem Zeitalter des umfassenden Speicherwahns. Jeder hebt alles auf, jedenfalls in digitaler Form, denn Daten wiegen nichts und nehmen keinen Raum ein. Und wir wollen nicht löschen, denn Löschen ist in einer Welt, die so voller Daten ist wie die unsere, gleichbedeutend mit aufräumen.

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use your libraryMIT DEN Bürosymbolen am Bildschirm des Apple Macintosh war 1984 der Mülleimer in den digitalen Alltag eingekehrt und mit ihm ein verhängnisvolles Prinzip, nämlich dass eigentlich schon Weggeworfenes wieder aus dem Mülleimer zurückgeholt werden konnte. Zu spüren bekommt man diese Löschmutlosigkeit anlässlich der seltenen Gelegenheiten, zu denen man seine Festplatte aufräumt. Selten, denn man ahnt bereits vorher, dass auf dem Gerät nicht nur nüchterne Daten und Souvenirs vergangener Lebensabschnitte zu finden sein werden, sondern auch komplette Ausführungen seiner selbst.

Um es mit einem analogen Beispiel zu illustrieren. Ich habe – nach wie vor – eine Bücherwand im Wohnzimmer und bringe es nur alle paar Jahre zuwege, sie auszumisten und neu zu sortieren. Ich habe Angst, dabei in einem tagelangen Rausch aus Wiederentdeckungen verlorenzugehen. Vor allem aber habe ich Angst vor der Person, die ich war, als ich das letzte Mal Ordnung gemacht habe – sinnierend, ein Buch in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand. Längst rauche ich nicht mehr, aber ich weiss, ganz tief ist da noch etwas, das durch blosses Büchersortieren wieder in Resonanz geraten kann und mich in eine Person verwandeln könnte, die Zigaretten raucht und eigentlich längst nicht mehr existiert.

Anders ausgedrückt: Ich glaube nicht, dass es so etwas wie Vergessen überhaupt gibt. Man kann Dinge vergraben, sie sedimentieren lassen unter dem Sand der Zeit und dann sieht es so aus, als habe man vergessen, aber alles ist noch da und wartet auf seinen Moment, wieder erinnerlich zu werden.

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MACHT ES einen Unterschied, ob man in einem Karton wühlt, der drei Umzüge lang nicht mehr geöffnet worden war oder im Daten-Fuchsbau einer Festplatte? Das Gedächtnis arbeitet grundlegend anders als eine Festplatte. Was wir Erinnerung nennen, ist ein biologischer Prozess, der mit vielschichtigen Übergängen zu tun hat, mit einem Verblassen, Destillieren, Abmildern, und nichts mit dem An- und Ausknipsen von Bits. Auf einer Festplatte führt schon die Bezeichung „Baumstruktur“ für die Verzeichnisgliederung in eine falsche Vorstellung, nämlich dass es sich um etwas Oberirdisches handle, während das Ganze in Wahrheit vielmehr dem Labyrinth eines Beutetiers gleicht.

the human factorDas, was wir an Daten hamstern, ist weitestgehend Zeug, das wir nicht brauchen. Heizmaterial für die Seele. Es gibt uns das Gefühl, Vorräte zu besitzen, eine archaische Beruhigung. Auch das wird einem schmerzhaft deutlich, während man seine Harddisk durchgräbt und überlegt, wie lange man wohl braucht, um knapp 100.000 gespeicherte Textdateien auch nur zu überfliegen.

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WIR ALLE geben uns einer gigantischen Illusion hin. Wir glauben, dass Computer uns dabei helfen, Dinge zu ordnen. Stets wie mit dem Lineal gezogen stehen die Zeilen auf dem Bildschirm. Aber auch der Begriff „Datenverarbeitung“ führt in die Irre. Die Maschine hilft uns nicht, Daten zu verarbeiten – sie erzeugt Daten. Es ist die schiere Menge, die einem Menschenwesen mit begrenzter Lebenszeit die Grenzen zeigt, und die Feinkörnigkeit dessen, was man da alles so wiederfindet. In der Horizontweite des persönlichen Gespeicherten stösst man ständig auf neue Beweisstücke, dass man gelebt hat; auf Lebenswinzigkeiten, die dazu führen, dass man zu seinem eigenen Spurensicherungstrupp wird.

Es kann auch beglückend sein, wenn man sich mit Computerhilfe auf eine neue Art genau und detailtief erinnern kann. Nicht selten ist es aber so, dass eine unbereinigte Art der Erinnerung den Genuss trübt: haufenweise unscharfe Fotos von der Amerikareise vermitteln einem das Gefühl, ein unscharfer Zeitgenosse zu sein.

Aber der Mensch braucht das Ungefähre, Ungewisse und Unaufgeräumte, um sich zu vergewissern, dass nicht bereits alles festgelegt ist – auch nicht die Vergangenheit – und um sich frei fühlen zu können. Es ist deshalb fast eine Art Naturgesetz, dass Festplatten nie ganz aufgeräumt werden.

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April 13 2015

Der Sieg der Ferne

Ein paar Anmerkungen zum Kulturpessimismus und der digitalen Welt

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LANGE DEBATTEN auf Facebook und Consorten, das Feuilleton rauscht: Ein Foto, das der niederländische Journalist Gijsbert van der Wal am 27. November getwittert hat, fährt durchs Netz und hinterlässt eine Spur des „Finde ich aber auch!“. Es zeigt eine Schar Teenies im Rijksmuseum Amsterdam auf einer Sitzbank, hinter ihnen das berühmte Rembrandt-Gemälde Die Nachtwache von 1642.

mädchen im museumDie jungen Mädchen sind ausnahmslos über ihre Smartphones gebeugt. Wären es statt Smartphones papierene Museumsführer oder zumindest akustische Museums-Guides, das Foto wäre widerstandslos an den Augen der Welt vorbeigegangen. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich zumindest das eine oder andere der Mädchen Hintergrundinfos zu den Dingen im Museum aus dem Netz holt.

So aber werden die vermeintlich aus der lebendigen Nähe an eine gespenstische digitale Ferne verlorenen Jugendlichen zum Inbild eines ebenso vermeintlichen Untergangs.

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IM JAHRE 1863 weigerte sich der deutsche Rittergutsbesitzer Graf Stolberg bei einem gesellschaftlichen Anlass, neben dem Industriellen August Borsig zu sitzen, weil jener ungebildet war. Heute gäbe es eine technische Lösung für das Problem: Man hielte sich vor Computern auf und könnte sich, körperlich separiert und ungestört von sozialem Rang, unterhalten. Die Ressentiments aber sind geblieben.

In seinem Traktat „Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht” sieht der Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier im expandierenden Online-Universum nicht kollektive Intelligenz am Werk, sondern einen digitalen Mob. Der amerikanische Autor Nicholas Carr befürchtet, dass durch die vernetzten Maschinen unsere Gehirne aufgeweicht und vor lauter Links, googelbaren Ablenkungen und Meteorschauern aus Mails und Tweets die Fähigkeit zu tiefergehender Beschäftigung mit einem Text im Absterben begriffen sei. – Untergang Abendland.

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FRÜHER HABEN Kunst und Magie die Menschen in Erstaunen versetzt, heute sind es Technik und Wissenschaft. Wie bei jeder neuen Technologie, so waren auch bei der Einführung des elektrischen Lichts Skepsis und Sorge verbreitet. 1882 hielt mit den ersten 65 Kunden der Edison Illuminating Company in New York die künstliche Beleuchtung Einzug in die USA. In Paris gingen die Damen damals nachts mit Schirmen durch die Strassen, da sie Angst vor dem stechenden Licht der Bogenlampen hatten. Hundert Jahre später begann sich wieder eine neue Technologie auszubreiten, wieder Schirme – Computerbildschirme diesmal.

Wie immer mit dabei: die Angst vor dem Ende bedeutender zivilisatorischer Errungenschaften durch ein neues Medium. „Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Kultur, ist so gross geworden, dass eine Überreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist.” Geschrieben 1878 von dem Philosophen Friedrich Nietzsche.

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music defense leagueJEDE ZEIT hat die zu ihr passende drohende Kultur-Apokalypse. „Ist unsere Zivilisation dem Untergang geweiht, weil wir uns heillos von Maschinen abhängig machen?”, fragte Bennett Lincoln 1930 in dem Magazin „Modern Mechanics”. 1927 war der erste Tonfilm ins Kino gekommen, in den folgenden drei Jahren verloren 22.000 Musiker aus Stummfilmorchestern ihre Jobs. Proteste gegen die „Robotermusik” führten 1930 zur Gründung der Music Defense League, die um Unterstützung im Kampf um die Arbeitsplätze der Stummfilmmusiker warb. Auf Anzeigenmotiven zu sehen war unter anderem ein Banjo spielender Roboter – mit seiner mechanischen Serenade sei er dem echten Troubadour fundamental unterlegen: „Der Roboter kann nicht fröhlich noch traurig noch sentimental sein.”

Mit der Ausbreitung des Fernsehens stand dem Ideal des in die Imaginationstiefen von Büchern tauchenden Lesemenschen ein gefährliches graues Leuchten gegenüber, das handgesägte Gedanken durch vorgefertigte Bilder ausser Kraft zu setzen drohte. Mit dem Walkman kam der erste Entwurf des quasi-autistisch isolierten, technisch zombifizierten Jugendlichen, der wenig später ein Update als blasser, sozial gestörter Computerfreak erfuhr (Mit der Einstellung der Walkman-Produktion im Frühjahr 2010 wurde die Staffette der Belämmerungsmaschinen offiziell an den iPod weitergegeben).

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KULTURPESSIMISMUS IST Revolution für Faule. Das Ende vom Lied möchte der Kulturpessimist gern geliefert bekommen, am liebsten von einer ultimativen Übermacht. Der Deutsche etwa liebt den pompösen Untergang, das Wagnerianische, auch wenn es furchtbar eitel ist („Die Welt geht unter und ICH bin dabei“), während der Amerikaner die Apokalypse nach Art der Erweckungstheologie bevorzugt, die Hilfe gegen die masslose Überschätzung der Vernunft verspricht.

Die Situation ist nicht ganz unkompliziert, da auch die Freunde des digitalen Fortschritts ganz gern mit kulturpessimistischen Methoden spielen. So freut sich der gewöhnliche Nerd mit daran, dass die Erde in Douglas Adams berühmter fünfteiliger Trilogie „Per Anhalter durch die Galaxis” einer kosmischen Umgehungsstrasse weichen muss und gesprengt wird.

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„Gesellschaften scheitern, das zeigt die Geschichte, nicht an Rohstoffknappheiten”, schreibt der Zukunftsforscher Matthias Horx. „Sie scheitern an ihren übersteigerten inneren Ängsten.”

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